Das Gesundheitszentrum, Risiko mit unabsehbaren Folgen.

O Sole mio

August 2016 update 01.09. 2017

Allgemeine Befragungen zum Bedarf eines Gesundheitszentrums fehlen, wenngleich für Hohwacht in den unter Tourismus erwähnten Studien Ergebnisse vorliegen, dass andere Interessen der Gäste weit überwiegen, besonders der Aufenthalt in der Natur.

Gleichwohl kann man mit den vorhandenen Daten zur Gästestruktur, Aufenthaltsdauer weitere allgemein nachvollziehbare Überlegungen anstellen..

Dazu hatte der Autor, mit Gesundheitsthemen professionell vertraut, während der Beschäftigung mit diesem Thema und mit wachsendem Kenntnistand vier Briefe mit verschiedene  Schwerpunkten an die Gemeinde geschrieben, die von einigen Gemeinderatsmitgliedern als beachtenswert eingestuft, vom Bürgermeister nur mit Unmut und ohne Gegenargument registriert worden sind.

Das Projekt aus Fitness- und wohl auch einigen Wellnesseinrichtungen, gesteuert von einer Arztpraxis, die auch der Versorgung der Bevölkerung dienen soll, ist auf dem alten Schwimmbadgelände, einem Filetstück geplant, Kosten ca 4.6 Mill. €.

Als Clou wurde eine Geothermiebohrung bis zu 1100 m Tiefe angedacht, mit der man das Zentrum und anliegende Abnehmer mit Wärme und einem Nebenprodukt versorgen will, das dem Ort ein „Alleinstellungsmerkmal“ verleihen soll, der Sole.

Hintergrund der Planung  ist die Begünstigung durch eine schmale Erdformation, die sich in großer Tiefe zwischen und Hohwacht und Neustadt-Glewe durch die Tiefe zieht. In der Mecklenburger Stadt hat man aus über 2000m Tiefe 90 Grad heiße Sole nach oben befördert und benutzt, um mit Fernwärme naheliegende Stadtteile zu versorgen. Für Hohwacht wird aus ca 1000 m Tiefe eine Solegewinnung prognostiziert, deren Temperatur mit 40 Grad angenommen wird, mit einem ausreichenden Fördervolumen, sowohl für die direkte Soleverwertung, als auch für Fernwärme.

Dabei erwartet man die Möglichkeit. mit natürlicher  Sole und  deren Vermarktung für Bäder, Inhalationen, Trinkkuren dem Ort über das Alleinstellungsmerkmal einen Wettbewerbsvorteil zu verleihen.

Von den  einzelnen  in der Machbarkeitsstudie kalkulierten Kosten- und Einnahmenblöcken wil ich  nur jene betrachteb, die als Entscheidungskriterien gelten können.

Für die Gesamtkosten von 4,6 Millionen bringt die Gemeinde das Grundstück, sowie 100.000.- ein und muss trotz Zuwendungen und angestrebter Ausfallbürgschaft für die Bohrung ein Darlehen von € 1,6 Millionen aufnehmen

Durchweg sind die Investitionen sehr knapp kalkuliert, die Einnahmen um so optimistischer .

11.000 Gäste jährlich, die täglich im Schnitt 15,12  € zahlen sollen, wobei als Summe aus vorläufiger Kalkulation 166.000.-  erwartet werden. Trotz dieser optimistischen Annahmen einer Nutzerfrequenz von 11.000 jährlich wird – bei voll  laufendem Betrieb – das jährliche Defizit ca € 325.000.-  betragen. Um dieses auszugleichen müssten zusätzlich ca 20.000 Nutzer angeworben werden oder kompensatorische Einnahmen vorhanden sein.

Es lohnt sich – weil es ein bezeichnendes Licht auf das gesamte Wunschgedankengebäude wirft, das Nutzerpotential eines Medizinischen Gesundheitszentrums anhand vorhandener  statistischer Daten zu beleuchten.

Dazu  sei zunächst  ein Blick auf die Ermittlung des Nutzerpotentials ( 9.1.4) Seite 141-142 geworfen, die mit der Schätzung eines Nutzerpotentials von 11 Tausend p.a nicht endet, sondern zusätzliche unerklärliche Steigerungen prognostiziert.

Dieser Berechnung stehen solide Zahlen aus der amtlichen Tourismusstatistik für Hohwacht  gegenüber. In Beherbungsbetrieben von mehr als 10 Betten (!)  wurden im Jahre 2015 eine Zahl der Ankünfte von 35.274 mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 3,7 Tagen im Jahresdurchschnitt ermittelt.

Auf die Monate Juli und August entfallen 10412 Urlauberankünfte mit einer Aufenthaltsdauer von 4,8,. bzw 4,9 Tagen.
Im Juni kamen 4194 Gäste an, Aufenthalt 3,9 Tage, im September 3670, Aufenthalt 4,2 Tage.
Zählt man den halben Juni und September zur Hauptsaison, so ergeben sich ca 14.000 Gäste in der Hauptsaison.

Soweit man davon ausgehen kann, dass sich die Gäste in der Hauptsaison den klassischen Urlaubsfreuden eines Seebades hingeben und weniger an schweißtreibenden Geräteübungen und der Anwendung versalzener Flüssigkeiten interessiert sind, errechnen sich für die  übrige Zeit des Jahres (Nebensaison)  insgesamt 21.000 Gäste, davon nach einer älteren Erhebung der Hohwachter Tourismus GmbH 28 % zwischen dem 55ten und 75ten Lebensjahr,  unter der sich die  Zielgruppe für  einen Gesundheitstourismus befinden, mithin ca 6000 Gäste, die durchschnittlich ca 3,5 Tage anwesend sind.

Aus dieser Gruppe ist – unter Berücksichtigung der Aufenthaltsdauer – das Nutzerpotential abzuschätzen.

Bei der aus dem Marketing entlehnten  Betrachtung der Machbarkeitsstudie unter dem Aspekt eines angeblichen Megatrends namens LOHAS lassen sich 10-30 % der genannten Altersgruppe als eigentliche Zielgruppe annehmen, maximal also 600 bis 1800 Gäste, die als mehr oder weniger wahrscheinlich zu erwartende Lohas affine Nutzer des Gesundheitszentrums eingeschätzt werden können.

Selbst wenn man die doppelte oder dreifache Zahl erhofft, kommt man nicht auf die Nutzerzahlen und Erträge, die die Machbarkeitsstudie unterstellt, zumal die gegenwärtige durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 4-5 Tagen für ein Gesundheitsprogramm völlig unzureichend ist. Wahrscheinlich  müssen die Nutzer eines Gesundheitszentrums komplett neu als Gäste gewonnen werden.

Was passiert mit dem Gemeindehaushalt und dem Schuldenstand, wenn das Defizit in den Anlaufjahren € 100.000 höher ausfällt ? Das müssen Bürgermeister und Gemeindevertertung auch gedacht haben und bringen kompensatorisch den erwarteten Verkauf von Geothermiewärme und der Sole ins Spiel.

Darauf wird vertieft einzugehen sein.

Vorweg  eine Betrachtung zur Idee, eine ärztliche Leitung als Steuerung des Zentrums zu etablieren, deren Funktion  die Beratung, Verteilung und Aufsicht  der Teilnehmer an Fitness- und anderen Gesundheitsprogrammen, sowie der  Anwendung von Sole sein soll. Dabei handelt es sich um die beiden  Faktoren, die das Vorhaben von einem beliebigen Fitnesscenter unterscheiden und die Bezeichnung Gesundheitszentrum rechtfertigen sollen.

Mit einem ärztlich individuell empfohlenen Fitnessprogramm entsteht eine ärztliche Verantwortung für diese Maßnahmen und mögliche Folgen für die Gesundheit des Anwenders. Deshalb ist es richtig, dass der für diesen Teil der Machbarkeitsstudie zuständige Autor, ein Kieler Professor für Sportmedizin, ein detailliertes Untersuchungsprogramm empfohlen hat, um eventuelle gesundheitliche Gefahren auszuschließen.

Ich hatte dem erstaunten Gremium bereits bei der Show der fünf Professoren vor der andächtig lauschenden Gemeinde mitgeteilt , dass die empfohlenen Untersuchungen nicht als kurative Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet werden können und auch nicht unter die Präventionsmaßnahmen fallen, die eine gesetzliche Krankenkasse gewähren darf.

Die Selbstzahlerkosten für die Voruntersuchung belaufen sich immerhin auf ca 300 €. Diese sind, worauf noch einzugehen sein wird. Die Kosten erhöhen sich  bei einer Anwendung von jodhaltiger Sole um eine eingehende Schilddrüsenuntersuchung , Kosten ca 200 €. Untersuchung und Ergebnisse benötigen unter günstigen Bedingungen mindestens drei Tage. Für die Erstuntersuchung selbst sind inkl. der Rüstzeiten ca 2-3 Stunden anzusetzen. Nur ein Teil der Untersuchung ist an Assistenzpersonal delegierbar.

Dies ist bei der Planung der Kapazitäten zu berücksichtigen, wenn die Untersuchungen zügig erfolgen sollen, um den Teilnehmer in sein Programm einzuschleusen.

Schon ein Andrang von 10 bis 20 Interessenten in 1-2 Tagen ist von einer Einzelpraxis nicht zu bewältigen, zumal dann nicht, wenn gleichzeitig auch die Versorgung der ansässigen Bevölkerung gewährleistet werden soll.

Weil die Gäste sicher nicht allein wegen des Gesundheitsprogramms in Hohwacht sind, sondern auch andere Interessen wahrnehmen werden, wird ein stoßweiser Andrang nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein.

Ob diesen Gegebenheiten personell und räumlich mit wirtschaftlichem Ergebnis Rechnung getragen werden kann , mag Ihrem Urteil überlassen bleiben.

Meine persönliche Prognose lautet: Entweder laufen die Teilnehmer weg, oder der Arzt!

Eine spezielle Betrachtung verdient die Anwendung von Sole, die als “Alleinstellungsmerkmal” angedacht ist. Wie zu hören war, orientiert man sich hier an der erfolgreichen  Vermarktung von Sole in Bad Bevensen. Dazu sollte man allerdings imn die Planungen einbeziehen, dass sich Bevensen auf zahlreiche Fachärzte unterschiedlicher Fachrichtung  und etliche Kliniken stützen kann.

Da die Indikation für Soleanwendungen eng  zu stellen ist und vorwiegend bestimmte Erkrankungen der Haut – andere wiederum nicht – sowie Erkrankungen der Atemwege betrifft, ist eine spezielle fachärztliche Indikationsstellung anzuraten.

Dies auch noch aus anderen Gründen, die den Jodgehalt und unsere Schilddrüsen betreffen.

Es sind diesbezüglich  im wesentlichen zwei Störungen der Schilddrüse zu betrachten, die durch Jodexposition verschlimmert werden können.

Erstens die Hashimoto Thyreoiditis, eine Autoimmunerkrankung, die schleichend zur Unterfunktion führt. Dieser Vorgang  kann durch übermäßige Jodzufuhr beschleunigt werden. Man findet, wie u.a Scriba ( Doyen der Schilddrüsenforschung ) mitteilt, bei erhöhter Jodexposition einen Anstieg der krankheitsanzeigenden Antikörper, die diese Kausalität nahe legen. Die Häufigkeit der Hashimoto-Thyreoiditis wird mit 1-5 % in der deutschen Bevölkerung beziffert. Die Diagnose wird bei symptomarmen, langsamen Verläufen oft nicht oder sehr spät gestellt ( Dunkelziffer).

Die Krankheit ist jedoch durch vermutete Begleiterkrankungen zunehmend in den Blickpunkt gerückt und wird  auch in gesundheitsbewussten Laienkreisen (LOHAS, also dem avisierten Interessentenkreis für das Gesundheitszentrum) Beachtung finden.

Zweitens ist das autonome Adenom als absoluter Gegengrund für eine über die normale Ernährung hinausgehende zusätzliche Jodexposition zu betrachten. Der sogenannte heiße Knoten wandelt überschüssiges Jod in überschüssiges Schilddrüsenhormon um. Das entstehende Krankheitsbild der Schilddrüsenüberfunktion ist u.U tödlich.

Ursache des autonomen Adenoms sind einerseits Jodmangel, der zur Umwandlung in eine übersteigert jodaffines Gewebe führen kann – insofern ist die Häufigkeit regional unterschiedlich – , andererseits sind genetische Faktoren im Spiel.

Daraus folgt: Ein Arzt, der eine Anwendung von Sole verordnet, die zu einer erhöhten Aufnahme von Jod führen kann, ist seinem Patienten eine sorgfältige und aufwändige, an spezielle fachärztliche Kenntnisse gebundene Untersuchung der Schilddrüse schuldig.

Unterlässt er diese, kehrt sich im Erkrankungsfall die Beweislast um, eine für jeden Arzt  fatale Situation.

Diese Überlegungen sind allerdings vorsorglich theoretischer Natur. Es kommt nämlich sehr auf die Herkunft des Salzes im Untergrund an. Die geochemischen Prozese können sehr unterschiedlich sein und unter Umständen ist die Sorge um eine Gefärdung unnötig.

 Wie die Klientel für ein Gesundheitsprogramm einschließlich der vorsorglichen Untersuchungen, das doch über mindestens zwei Wochen gehen sollte, im Übrigen aus einem Touristenkreis gewonnen werden soll, der bislang durchschnittlich 4 Tage bleibt, ist unbeantwortet..

Zusammenfassend komme ich zu dem Schluss, dass mit der Propagierung eines ärztlich gesteuerten Gesundheitszentrums aus wirtschaftlicher Sicht der sichere Weg in eine Rationalitätenfalle eingeschlagen wird.

Am Rande noch eine nachträgliche Bemerkung.; In Neustadt-Glewe kommt die Sole nicht als heilbringendes Wunderwasser ans Tageslicht, sondern zerfrisst auf seinem Weg dorthin als ätzende Flüssigkeit mit einem Salzgehalt von 220 g pro Liter bereits Rohre und Pumpen. Von der möglichen Verwendung  „natürlicher Sole“  kann also nicht die Rede sein, sondern allenfalls einer Verwendung in einer hochgradigen Verdünnung.

Warum dann nicht die Salzklüten aus Neustadt-Glewe holen, anstatt danach zu bohren

 Noch Fragen ?

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